Lyrik und Poesie
- Erzählungen -

Pferde im Moor

Teil 5 - Pferde im Moor -



Teil 5 - Pferde im Moor
schreienden Wiehern kam. Dem unbeweglich auf dem Grasbüschel hockenden Mann erstarrte bei diesen Tönen das Blut in den Adern. In der Dämmerung sah er des Pferdes blutunterlaufene geweitete Augen glänzen, hörte zwischen den entsetzlichen Schreien den stoßenden Atem der gehetzten Lungen. Der braune Harras war tiefer in den Schlamm gerutscht, Hektor zog ihn langsam mit. Er lag unbeweglich mit seinen gebrochenen Beinen, sein dumpfes Stöhnen drang unausgesetzt durch Hektors helles Schreien. Von dem Wagen schaute noch ein Rad hervor. Nebelschwaden zogen ihre ruhige Bahn über die mit dem Tode kämpfenden Tiere, verschleierten für Sekunden das grausige Bild barmherzig vor den Augen des erstarrten Mannes, gaben ihm alsbald den Blick wieder frei. Von Hektor war gar nichts mehr zu sehen. Eine Stelle, wo der Schlamm auf- und niederstieg, wo dicke Blasen aufquollen, zeigte sein letztes, verzitterndes Leben im Schlamm. Harras brauner Kopf lag leblos auf der Oberfläche und versank mit einem dumpfen Laut nun ebenfalls in der Tiefe. Ein Quellen und Quirlen über ihm - dann gab es Ruhe und still und zufrieden glänzte ein glattes, blankes Moor zum nächtlichen Himmel hinauf. Der Mann saß noch immer zusammengeduckt auf seinem Platz. Sein Kopf saß zwischen den in maßlosem Grauen emporgezogenen Schultern, seine Augen starrten stumpf und ununterbrochen auf die Stelle, an welcher seine Pferde nun nicht mehr zu erblicken waren. Eisiges Schweigen lagerte über dem schwarzen Wasser - der Nachthimmel, an welchem kein Stern stand, hing lastend über dem Geschehenen, ein scharfer heulender Wind kam von See her auf. "Sie heulen noch aus der Tiefe", schauerte der Mann, in dessen Gehirn die Gedanken nicht mehr ihre geordneten Wege gingen. Von den Dünen herüber tönten die gellenden Rufe der Sturmmöwen - "das ist Hektor" - wühlte es in den verstörten Gedanken weiter. Der scharfe Ostwind pfiff durch die nassen Kleider des unbeweglich Sitzenden, zauste sein verklebtes wirres Haar - strich weiter über die erzitternden Moorwasser und verfing sich mit heulendem Getöse in den Baumwipfeln am Rande des Moores. Einmal heulte der Mann auf, da hatte ein huschender Nebelarm nach ihm gegriffen - dann saß er wieder unbeweglich. Dunkle Wolken jagten über den Himmel und warfen ihr ziehendes eiliges Spiegelbild auf das blanke Moorwasser. Der verstörte Mensch aber begriff nichts mehr - er sah etwas breites Dunkles, einen riesengroßen Schatten über das Wasser auf sich zugleiten - eisige Kälte kroch über seinen Rücken - gleich, gleich musste es ihn gefasst haben ----- ein röchelnder Ton kam aus seinem Mund - da war es schon vorüber. Aufs neue kamen schwarze Wolken im Spiegel des Wassers auf ihn zu, erschreckten ihn bis zum Grausen, glitten über ihn hinweg. Dazwischen blähten sich weiße Nebelschwaden, zogen Krähen mit krächzendem Ruf am Waldrand vorüber, rauschte der sturmbewegte Wald und dröhnte die an den Strand schlagende Brandung der aufgewühlten See an sein Ohr. Unbeweglich verblieb der Mann auf seiner Grasinsel, gelähmt vor Entsetzen, erstarrt von der Kälte - ein fast gestorbener Körper, in welchem nur noch wirre kranke Gedanken geisterten. So fanden ihn die suchenden Leute am nächsten Morgen. Nachdem der Erstarrte von einigen Männern über Leitern und Brettern an den festen Weg geschafft und ins Dorf gebracht worden war, lag er lange Tage ohne Bewusstsein. Die schwere, wochenlange Lungenentzündung überstand sein kräftiger Körper, aber gesprochen hat der Genesende nicht mehr viel. Mit Mühe wurde das Geschehnis der grauenvollen Nacht aus ihm herausgefragt, völlige Klarheit jedoch wurde niemals erlangt. Als Johann soeben das Bett verlassen konnte und im Haus umhergehen durfte, war er eines Tages plötzlich verschwunden. Die auf der Dorfstraße spielenden Kinder haben nachher behauptet, sie hätten den alten Johann gesehen, wie er den Weg, der zum Moor führt, eingeschlagen hätte. Niemals hat man den alten Kutscher wiedergesehen.
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