Lyrik und Poesie
- Erzählungen -

Pferde im Moor

Eine Pferdegeschichte

- Pferde im Moor -

Diese Geschichte hat sich tatsächlich so ereignet. Sie wurde mir von meinem Vater erzählt.

Pferde im Moor
Dort oben im Mecklenburgischen, wo die schimmernde See ihre Wellen an den Strand treibt, wo meilenweiter Wald mit uralten knorrigen Baumbeständen längs die der Küste sich hinzieht, wo die Möwen über den Dünen ihr gellendes Kreischen ausstoßen und im Herbst in der Abenddämmerung die Brunftschreie der Hirsche durch die Wälder rollen - dort liegt hinter den gewachsenen grasbewachsenen Dünen ein weites, stilles Moor. Ringsum steht der Wald als starker Wächter dieser Einsamkeit - nach der See zu liegt es offener - niedriges Holz, feste Wiesenflächen und schließlich die Dünen schützen es vor den heranrollenden Wassern der Ostsee. Wenn der Winter vorüber ist und sein starres, weißes Tuch vom Moor fortgenommen hat, wenn über den frischen Seewinden schon eine warmlächelnde Sonne steht, wenn dann später schon ein zarter heller Schleier über den vielen Birken hängt, die auf den Moorwegen stehen und ein emsiges Gepfeife und Geträller von den Waldwipfeln herüberschallt, dann beginnt auch im Moor ein heimliches zartes Treiben, ein Wachsen und Quellen dem Licht entgegen. Kleine helle Spitzen schauen aus dem dunklen Schlammwasser hervor, blinzeln in die Sonne, bekommen Mut und entfalten sich freudig in leuchtendem Grün. Schnell breiten sie sich aus und weben einen zarten, samtweich-scheinenden Teppich über die dunkle Tiefe. In der Schwärze des noch offenen Wassers spiegelt sich der klarblaue Himmel, so dass das düstere Moor einem leuchtenden, hellen Lande gleicht, über welchem die rauschenden Birken ihr Frühlingslied singen. Der Sommer kommt und über dem Wasser stehen gerade, saftige Stängel, deren Blüten schnell zu weißen Wollköpfchen werden. Zu Hunderten, zu Tausenden ragen sie aus dem Wasser hervor, weißen, wehenden Flämmchen gleich, die in Sonne und Wind ihren Reigen tanzen. Am Rande des Moorgrabens stehen goldgelbe Schwertlilien, welche ihre stolzen Blüten hoch über das Schilf erheben. Noch steht das Wasser zwischen den sumpfigen Grasflächen, es wird aber schon kleiner, enger - das Gras wird dunkler im Grün, wird breiter und höher, dehnt sich mehr aus - langsam, zum Herbst wächst das Moor zu, eine weite, wehende Grasfläche, über welche der tosende Seewind streicht und gelbe Blätter der Birken vom Sturm gepeitscht hernieder taumeln. Dann kommt das Sterben. Mattes, welkes Gras sinkt faulig in das moorige Wasser zurück - dicke schwere Nebel hängen über der Traurigkeit das sterbende Antlitz zu verhüllen - im Walde rauscht es von fallenden Blättern, die Sonne hat sich längst von grauen jagenden Wolken verdrängen lassen. Schwermütig hält der Winter seinen Einzug. Er überzieht das Moor mit schneeigem Tuch und glitzerndem Frost. Starr liegt das Moor unter seiner weißen Decke - in seiner Tiefe das keimende, kommende Leben, welches zum Frühling wieder ins Licht treiben wird, warm und sorglich in sich bergend - das starre gestorbene Leben jedoch, welches es aus dem Licht in seine Dunkelheit gerissen hat, in sich verschließend in ewigem Besitz.