Lyrik und Poesie
- Geschichten und Erzählungen -

Das Märchen vom verlorenen Röcklein

Teil 4 - Das Märchen vom verlorenen Röcklein -



Teil 4 - Die Königin
Die Königin aber saß in der Tiefe ihres Gemaches und hielt das verlorene Röcklein auf ihrem Schoß. Sie legte die Hand auf den ersten Streifen und sprach: "Klein lagst und rosig in deiner Wiege, da stickte ich Röslein in das Band." Sie legte die Hand auf den zweiten Streifen: "Du machtest die ersten Schritte, suchtest die Sommerstrahlen mit deinen Händchen zu fangen, da stickte ich Sonnenblümlein auf das Band, mit Kelchen braun wie deine Augen, Kind." Sie legte die Hand auf den dritten Streifen, auf den vierten: "Du jubelst und sprängst den bunten Faltern nach, da stickte ich leuchtende Schmetterlinge auf das Band." Auf jedem lag die Hand der Königin und das Röcklein war nass von ihren Tränen. "Und du warst vierzehn Jahre und schlüpftest aus den Kinderschuhen heraus, da stickte ich Glockenblumen, die mit zartem Klang deine Mädchenzeit einläuteten. "Fünfzehn Jahre, sechzehn Jahre, du wurdest still und nachdenklich und fragend schautest du umher wie die stummen Stiefmütterchengesichter, die ich mit samtenem Faden stickte. Siebzehn Jahre warst du, da stand in deinen Augen die Ferne, die du sehnsüchtig vom Turm aus geschaut. Mein Mutterherz begann zu zittern, Vergissmeinnicht, Vergissmeinnicht! Die himmelblauen Blümlein schmückten das siebzehnte Band!"
Dann lag die Hand auf den weißen Lilien. Stumm vor Herzeleid ward der Mund der Königin. Ihre Tränen fielen auf ihre Hände, die soviel Liebes gewollt. Matt schlug ihr Herz in der Brust, es konnte den Schmerz fast nicht tragen.
Da trat eines Tages der König zu seiner Gemahlin. Mit sanfter Gebärde nahm er das Röcklein aus ihren Händen und sprach: "Nimmer soll es dein Herz zerreißen." Und er trug es in die Kammer oben in den Turm. Er legte es in eine Truhe, die dort vergessen stand.
Da geschah es, dass eines nachts der König erwachte, wie wenn eine Hand ihn angerührt hätte. Durch das hohe Bogenfenster schaute der Mond und in seinem Schein erblickte der König das leere Lager seiner Gemahlin. Er erhob sich und trat auf den Gang hinaus. Das Schloss lag in tiefem Schlaf. Im matten Mondlicht lagen Hallen und Gänge, durch welche der König wandelte, seine Königin zu suchen. Einem Ton ging er nach, der an sein Ohr gedrungen war. Aus allen Winkeln und Schatten schien es zu kommen wie leises Weinen und als der König der Turmtreppe sich näherte, schien es ihm, als huschten die weinenden Geisterlein von ihm zum Turm hinauf. Er stieg die Treppen empor bis an das Turmzimmerchen. Leise öffnete er die Tür. Sein Herz ward schwer vor dem, was er erblickte.
Im Licht des Vollmondes saß die Königin vor der geöffneten Truhe, auf deren Grund das verlorene Röcklein schimmerte. Mit stillem Gesicht schaute sie auf das Röcklein herab, ihre Hand tastete nach den Blumen und Blüten und sie begann zu klagen:
"Ich wache jede Vollmondnacht
und weine um mein Kind,
ich rühre an die Blüten sacht,
die lang verdorben sind.
Und geht der Mond, so geh auch ich,
und schließ mein Herze zu,
doch kommt der Mond, so komm auch ich,
und finde niemals Ruh."