Lyrik und Poesie
- Geschichten und Erzählungen -

Das Märchen vom verlorenen Röcklein

Geschichten und Erzählungen

- Das Märchen vom verlorenen Röcklein -

Die Königin
Es war einmal ein König und eine Königin.

Sie hatten ein Töchterlein, welches sie von Herzen liebten. Zart und schmal von Gestalt hatte es lange, braune Locken, die gleich dunklem Gold leuchteten, wenn die Sonne darauf fiel. In dem feinen Gesicht standen große Augen, die bald träumerisch und nachdenklich, bald in fröhlichem Übermut in die Welt hineinschauten.
Das Kind trug ein wundersames Röcklein. Von seiner Mutter Herz ersonnen und seiner Mutter Hand gestickt, bestand das Röcklein aus vielen seidenen Bändern, welche aneinandergenäht waren. Je nach Wachstum der Prinzessin und Jahr für Jahr arbeitete die Königin an einem neuen Band und wob alle ihre guten Muttergedanken und Mutterwünsche hinein in die zarten Blumen und Blüten, die buntfarbenen Schmetterlinge und goldenen Kelche ihrer zierlichen Stickerei. Streifen an Streifen ward an das Röcklein gesetzt, daß es mitwuchs mit seiner Trägerin und zu ihm gehörte wie seine Augen und Haare und Hände.
Die kleine Prinzessin hatte alles, was sie nur wünschen konnte: sie besaß Vater und Mutter, ein großes Schloß und Diener und Mägde, sie hatte Park und Garten mit den herrlichsten Blumen, sie hatte alles, was Menschenherz begehren konnte. Nur eines hatte sie nicht, - das eine, das niemals fehlen darf zum Herzen eines Kindes: sie hatte keinen Spielgefährten.
Das Königskind ging in den Park und schaute den Gärtnern zu. Sie schnitten die Hecken, die Bäume und Sträucher, sie banden die Blumen an Stöcke, sie ordneten und pflegten und jäteten und hackten tagein, tagaus. Die Prinzessin schritt die pfeilgeraden Wege auf und ab und betrachtete mit Unbehagen die zu Kugeln und Pyramiden kunstvoll gestutzten Bäume und Sträucher.
"Darf nichts wachsen wie es will?" Fragte dass Kind. Die jungen Gärtner sagten: "Der König will es so haben!". Der alte Gärtner jedoch, der Obergärtner antwortete: "Wenn alles wüchse wie es wollte, so würde eine Wildnis entstehen und unser Prinzeschen fände nicht Weg und nicht Steg.
Die Jahre gingen und oftmals nun stand die Prinzessin im Turmzimmer und schaute über Schloßhof und Park hinaus ins weite Land.
Eines Tages geschah es, dass das Königskind in einen entlegenen Teil des Parkes geriet und dort, von Büschen fast verborgenen, eine Tür in der Mauer entdeckte. Die kleine Pforte öffnete sich leicht. Halb neugierig, halb ängstlich trat die Königstochter hinaus. Oh, wie schön war hier die Welt! Vor ihren Füßen lief ein gewundener Pfad durch die Wiesen, ein Bächlein sprang nebenher. Blaue Blumen blühten an seinem Rand, tausendfach blühten Blumen im Wiesengrund. Und