Lyrik und Poesie
- Geschichten und Erzählungen -

Das Märchen vom verlorenen Röcklein

Teil 5 - Das Märchen vom verlorenen Röcklein -



Teil 5 - Die Königin
Ihre Hand glitt über das Röcklein, und ihr Mund klagte über jeden Blütenband. Die Geisterlein aber in den dunklen Ecken weinten zu ihren Worten, und der Mond legte tröstend seine Hand auf ihr Haupt, dass ihr Haar hell wurde wie Mondenlicht.
Still ging der König zurück in sein Gemach und stellte sich schlafen, als die Königin in der Morgendämmerung zurückkehrte.
Am nächsten Tag rief der König seine Ratgeber zu sich. "Oh ihr klugen Köpfe, wo blieb euer Rat, mein Kind zu finden? Wer sich auf andere verlässt, der ist verlassen!" Er rief seine Reiter, seine Diener um sich. "Oh, ihr schnellen Reiter, ihr guten Boten, wer von euch konnte mir Nachricht bringen von meinem Kinde?" Und da sie alle die Augen senkten, sprach er abermals: "Wer sich auf andere verlässt, der ist verlassen!" Alsdann befahl er: "Spannt die edelsten Pferde vor meinen Wagen, haltet euch bereit zu einem durchs ganze Land! Der König und die Königin werden selbst ihr Kind suchen!"
So fuhr die goldene Kalesche durchs Land, bespannt mit reichbehängten Pferden, umgeben von berittenen Hofleuten, nach Nord und Süd, nach Ost und West. Sie fragten alle Wanderer, sie forschten in jedem Dorf, in jeder Stadt. Sie fragten die Gelehrten und die Beamten ihres Staates. Vergebens, ein Königskind hatte sich nicht gemeldet. Da kamen sie eines Tages an einem Schäfer vorbei, der inmitten seines Weidelandes stand. Der König winkte ihn herbei. Doch der Schäfer schaute unbeweglich in die Ferne. Da stieg der König aus seinem Wagen, ihn zu fragen: "Schäfer, hast du mein Kind gesehen?" Der Schäfer, ein uralter Mann, schaute den Fragenden an, lange Zeit und in Schweigen. Dann wanderten seine Augen hinüber zu dem goldenen Wagen und den glänzenden Reitern. "Wenn du dein Kind finden willst, so fahre ohne den Tand! Wer mit dem Herzen sucht, bedarf keines Schmuckes. Nimm deine Königin an die Hand und wandert ostwärts bis zu einem hohen Berg. Dieser Berg duldet keine Kalesche und keinen Reiter, ihr beide müsst ihn allein bezwingen. Vom Gipfel des Berges werdet ihr in ein Land schauen, das euer Liebstes birgt!"
Auf dem Berge

Der König schickte seinen ganzen Tross zurück und begann mit seiner Königin ostwärts zu wandern. Sie kamen an den hohen Berg und begannen, ihn zu besteigen. Der Weg war steil und steinig. Fast stand das kranke Herz der Königin still, so schwer war ihr der Weg. Dichtes Gestrüpp sperrte den Pfad und riss an ihrem Mantel. Da nahm sie den kostbaren Königsmantel von ihren Schultern und schleuderte ihn zur Erde: "Wenn er den Weg mir hindert zu meinem Kind, so will ich