Lyrik und Poesie
- Geschichten und Erzählungen -

Der Dieb

Teil 5 - Der Dieb -

Der Dieb
umgab sich der Besitzer der Villa mit einer großen Dienerschaft. - Fritz hatte kein Empfinden für das Blühen und Duften um sich herum - er hörte nicht die kleinen verschlafenen Stimmen der Vögel, die ab und zu aus den Bäumen, aus den Büschen zirpten - er spürte auch nicht den frischen würzigen Geruch der abkühlenden Erde - sein ganzes Sinnen und Trachten war auf das Haus vor ihm gerichtet. Mit angespannten Sinnen verfolgte er jede Veränderung an der Hausfront. Langsam verlöschten die erleuchteten Fenster, die Haustür war schon längst mit deutlichem Knacken zugeschlossen worden, noch brannte im 1. Stockwerk das Licht in zwei Fenstern. Fritz saß angespannt und wartete. Im Gebüsch unweit von ihm schlug eine Nachtigall schluchzende Töne, die Baumwipfel begannen ein leises Rauschen, der Nachtwind war gekommen. Über den großen Rasen geisterte eine Katze - dann verlöschte das Licht oben im Hause. - Noch eine gute Stunde wartete Rabenfritz, dann schlich er geschmeidig auf das schlafende Haus zu. Mit geübter Hand wurde ein Fenster eingedrückt, im Umsehen stand er im Zimmer. Er erkannte im Dunkeln die Umrisse schwerer Möbel, ein dicker Teppich lag unter seinen Füßen. Der Schreibtisch, der Hauptanziehungspunkt für Rabenfritz, stand dicht am Fenster. Fritz schaltete vorsichtig seine Blendlaterne ein und fing an zu "Arbeiten". - Es war nicht so viel, wie er gedacht hatte, er war enttäuscht - er wandte sich dem Zimmer zu und begann dort zu suchen. Eine goldene Zigarettendose, ein wertvoller Aschenbecher, ein kleiner steinbesetzter Buddha wanderte in seine Tasche, dann ging er auf eine Tür zu, um im nächsten Zimmer Umschau zu halten. In diesem Moment hörte er rufen und laufen im Hause, eilige Schritte näherten sich der Tür. Verdammt, er war entdeckt! Mit einem Griff hatte er seinen Revolver aus der Tasche, schnellte zum Fenster. Aber schon wurde die Tür aufgerissen, ein dunkles Gemenge von Menschen drängte schreiend herein. Fritz hob die Waffe, als schon mehrere Schüsse krachten - er fühlte einen stechenden Schmerz in der Brust, einen harten Schlag am Kopf - aber wie eine Katze schwang er sich aus dem Fenster. Die Füße waren seltsam schwer, als Rabenfritz durch den Garten lief, die Erde unter ihm machte große Schwankungen, dann plötzlich drehte sich der ganze Garten rasend um ihn. "Laufen", dachte Fritz, "laufen"; er setzte seine Füße mit aller Anstrengung vorwärts - etwas Warmes tropfte über seine Augen, lief über seine Lippen - taumelnd rannte er weiter. Nahm den Rasen denn gar kein Ende? Mit einem Male begann der Garten wieder um ihn zu kreisen, schneller, immer schneller drehten sich Himmel, Bäume, Sträucher um ihn - er griff in diesem rasenden Taumel nach einem Halt in die Luft - fühlte Stöcke um sich, danach greifend schlug er schwer in einem Rosenbeet nieder. Im Niederstürzen riss er einen Teil der Rosensträucher mit sich; nun lag er blutüberströmt, mit dem Gesicht zur Erde. Rosen unter ihm und Rosen über ihm; das letzte Empfinden das der tödlich getroffene Mensch in sich aufnahm war der starke, süße Rosenduft um ihn. Mit dieser letzten, fast unbewussten Wahrnehmung aber kam eine wundersame Vorstellung und große Ruhe über ihn. Alles Böse und Gehetzte lag hinter ihm, war nie gewesen. Fritz stand wieder am Bett seiner Mutter, vor ihr auf der Bettdecke lagen eine Menge schönster Rosen, rote, gelbe, weiße. Das kleine Zimmer duftete nach diesen Rosen, oh, Fritz spürte den Duft wunderbar stark. Mutters Hände fassten nach den Blüten, hoben sie gegen ihr schmales Gesicht: "Fritzing, wo hest du de Blomen her?" Nun musste er lügen - und er hatte es doch so gut gemeint! Aber da zog Mutter ihn zu sich heran, ganz, ganz dicht, streichelte seinen Kopf und blickte ihm in die Augen. Da kam eine so herrliche Freude über Fritz, da zog ein so leuchtendes Glück in sein Herz, dass er ganz tief aufseufzen musste, denn alle Schuld fiel ab von ihm. Ach, und so müde wurde er vor Glück, ganz weich und zärtlich wurde das Knabenherz - er legte den Kopf an Mutters Schulter, nun war alles gut! Warum Mutter wohl die Rosen so dicht an sein Gesicht legte? Er fühlte sie an seinen Wangen, atmete tief den süßen Duft in sich hinein. Mit einem letzten glücklichen Seufzer der Erlösung beendete Fritz sein verunglücktes Leben, blühende Rosen vor seinem weißen Gesicht, blühende Rosen in seinen verkrampften Händen.
Seine Verfolger standen schon eine Weile um das zerstörte Rosenbeet herum, sie wagten nicht, den sterbenden Einbrecher zu berühren. Als dann das letzt Zucken vorüber war und der Mensch still und tot vor ihnen lag, traten sie hinzu. "Jung ist er noch", flüsterte einer, "und schaut aus wie ein Kind, dem man soeben eine große Freude gemacht hat."
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