Lyrik und Poesie
- Geschichten und Erzählungen -

Der Dieb

Teil 2 - Der Dieb -

Der Dieb
der Widerstand erwachte, die zornige Empörung gegen die Gewalt des Stärkeren, das durch Besitz Stärkeren, wie er dunkel fühlte. - Zu Anfang seiner Tätigkeit hatte Fritz Rabe gar nicht gewusst, dass er so etwas Verbotenes tat, wenn er in fremde Gärten kletterte, um seiner Mutter Rosen schenken zu können. Blühten nicht die Blumen zur Freude Aller? Ließ der liebe Gott nicht Bäume und Sträucher und Blumen wachsen, damit alle Menschen ihre Freude daran haben sollten? Schien nicht auch die Sonne für jeden einzelnen Menschen? Alle diese Gedanken standen aber nicht klar und ausgeprägt in Fritzens Knabenhirn, sie waren vielmehr ein dumpfes Durcheinander von Empfindung und Verstand - und dennoch hatte er sofort instinktiv zum Selbstschutz gegriffen und gelogen, als seine Mutter ihn nach der Herkunft der Blumen gefragt hatte. Und noch etwas war dabei, was ihm keine Ruhe ließ: Es war einfach herrlich so auf der Lauer zu liegen, im Gebüsch zu hocken und aufmerksam den Garten zu durchforschen, so etwa wie der "Schwarze Adler", der Häuptling der Sioux, aus seiner letztgelesenen Indianergeschichte, oder aber auch wie Sherlock Holmes, der Meisterdetektiv, stand er hart an die Hauswand gepresst, "ein überlegenes Lächeln um den scharf gezeichneten Mund, die Umgebung durchdringend musternd." Das waren für den einsamen Jungen Augenblicke höchster Kraftentfaltung, ein berauschendes Jagdfieber riss durch seinen Körper, er zitterte vor Aufregung, - husch - heran an die Rosen und husch - heraus aus dem Garten - und dann welch' unendlich beglückendes Siegesgefühl in der Brust! Dieser Stolz in ihm, wenn es wieder geglückt war und er seiner Mutter die erbeuteten Blumen aufs Bett legen konnte. Überhaupt war es herrlich, anderen Menschen eine Freude zu machen, man wurde so glücklich und froh dabei, irgendwie ganz leicht wurde sein Herz, er flötete dann lustig vor sich hin, gab seiner Mutter ungezählte Küsse und war vergnügt wie selten.

Als er das erste Mal in irgendeinem Garten eine Ohrfeige bezogen hatte, war er ganz verdutzt dagestanden, die scheltende Stimme hatte ihn dann über den Zaun gejagt, aber die Rosen hatte er nicht aus der Hand gelassen. Er hatte sich diese Ohrfeige nicht sehr zu Herzen genommen, die Dame war wohl etwas komisch - wo sie so viele Rosen hatte, brauchte doch nicht solchen Lärm zu machen. Aber die Prügel von dem Herrn - das war schon etwas anderes! Und was hatte er geschrieen? "Lümmel, Flegel, Dieb", hatte er gebrüllt und dabei hatte er ihn halb tot geschlagen. Fritz ballte die Hände, seine kochende Wut stieg in ihm hoch, ein Hass gegen die Besitzenden krallte sich in sein Herz, unbewusst noch aber doch von jetzt ab vorhanden.

Das waren die letzten Rosen, die der kleine Junge seiner Mutter aus Bett legen konnte - nachher kamen die Leute aus dem Haus und aus den Nebenhäusern und legten Kränze auf die Bettdecke. Über Fritz gingen diese traurigen Tage wie ein Nebel dahin, er fand sich erst wieder zurecht, als er schon einige Tage im Waisenhaus war und ein geregeltes Leben ihn in seinen Bann nahm. Fritz fand es zwar sehr hübsch dort, die vielen weißen Betten mit den vielen Kindern darin, die hellen großen Spiel- und Arbeitsräume, der große Essraum mit den langen Tischen und die freundlichen Waisenhausschwestern gefielen ihm sehr. Es machte ihm allerdings einigen Kummer, dass sehr achtgegeben wurde auf saubere Hände, auch