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Die Hexe

Hexengeschichten - Geschichten und Märchen

- Die Hexe aus Rostock -

Die Hexe
An der Rostocker Stadtmauer, die damals noch - es mochte um das Jahr 1500 sein - sich vom Petritor empor wand zur Höhe, auf welcher noch heute schwer und wuchtig mit steilem Turm St. Petri sich erhebt, stand die Jungfer Anne Brinkmann und schaute über die Mauer hinweg auf das zu Ihre Füßen liegende, in sanftem Sommerabend verdämmernde Warnowtal. Des Mädchens Arme lagen auf der Mauerbrüstung. Sie hatte den Kopf auf die Arme gelegt, sinnend und schauend nach außen und innen. Über ihr rauschten die Blätter einer weitverzweigten, uralten Linde. Hinter ihr im Dämmerlicht stieg der Chor von St. Petri zu schwarzer, unheimlicher Höhe empor. Das Mädchen stand in tiefem Sinnen schon eine ganze Weile. Ob er jetzt wohl das Haus verlassen hatte? Oder ob er noch am Bett der kranken Muhme stand, lateinische Sprüche murmelte oder laut und herrisch nach ihren Sünden fragte
Anne sah ihn immer wieder vor sich, den schwarzhaarigen Mönch Nathasius mit seiner scharfen Nase und dem rotbrennenden Mund. Sie schauerte zusammen, als sie an seine Augen dachte. Augen, die immer auf Wanderschaft waren, Augen, die Feuer auszuströmen schienen und deren Blicke ihre Gestalt musterten, so oft sie dem Mönch begegnete. Heute Abend war sie geflohen, als der Mönch kam. Sie fühlte sich bedrängt von ihm, hatte einen ausgesprochenen Widerwillen gegen ihn und seine Art. Vorige Woche bei einem seiner Besuche, war die Schlafkammertür der Tante nur angelehnt geblieben. SO hatte Anne in der Küche alles mit anhören müssen, was zwischen Mönch und Tante gesprochen worden war. "Habt ihr gebeichtet, Christine Behrend?" "Ich bin, solange ich gehen konnte, jeden Sonntag zur Beichte gegangen, heiliger Bruder." "Aber nun, wo ihr ans Bett gefesselt seid, habt ihr noch nicht gebeichtet? Bereut ihr eure Sünden?" "Ja, ich bereue meine Sünden." "Das genügt nicht, Christine Behrend! Schreit euer Herz nicht vor Qual und Schande über euer sündiges Leben? Kniet ihr nicht im Staube vor Jesus Christus und fleht: Herr, nimm mir die Schlechtigkeit der Erde, nimm von mir die Schande meines Lebens?" Da hatte die alte Frau geseufzt. "Nein, Bruder Nathasius, ich habe meinem Leben keine Schande gemacht. Ich hatte zuviel Arbeit."
Böses Lachen des Mönches hatte geantwortet. Dann seine scharfe Stimme: Aber Ihr wart ein Eh'weib, Christine Behrend, ein Weib! Ihr habt mit eurem Manne Kinder gezeugt!" "Unsere 4 Kinder und mein Mann starben vor 14 Jahren an der Pest." Die Stimme des Mönches war kalt wie Eis, als er erwiderte: "Das war die Strafe für Dich, Weib, für Dein sündiges Leben! Oder willst du leugnen, dass du des Fleisches Wollust gefrönt hast?" Die Muhme hatte geschwiegen - Anne hatte vermeint, ihr leises Weinen zu hören. Dann war ihre Stimme gekommen, fest und klar, und wie in stolzer Abwehr: "Wir haben uns sehr liebgehabt, mein Mann und ich, weiter nichts." "Weiter nichts, weiter nichts!" Das gellende Lachen des Mönches war durch das kleine Haus geklungen. Dann war er im Zimmer auf- und abgerast. "Wehe, wehe über euch Sündigen! Wehe über die verlorene Welt! Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, ihr aber sehet es nicht, ihr greifet es nicht! Ihr lebt in der Wollust des Fleisches und fragt nicht nach der ewigen Seligkeit. Die Hölle aber ist euch gewiss, so wahr ich vor euch stehe, Wittfrau Behrend! Der Herr sagt: kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! Aber ihr seid wohl gar nicht mühselig und beladen? Ihr seid gar wohl stolz auf euer sündenreiches Leben? Oh wehe, dreimal wehe über euer Haupt! Der Herr wird sein Angesicht verhüllen über euch, ihr werdet die ewige Seligkeit nicht zu kosten bekommen!" Der Mönch hatte plötzlich in der Küche vor der erschreckten Anne gestanden.
"Eure Muhme ist ein große Sünderin, Jungfer Brinkmann. Ich flehe euch an: Betet für ihr Seelenheil, so wie auch ich es tun werde. Kommt am Abend zur Kirche, Jungfer, kommt zur Beichte. Wir werden dann gemeinsam beten für eure arme Muhme." Da hatte Anne den Kopf erhoben. "Gern will ich beten für die Muhme - doch hat sie ihr Leben lang nichts Schlechtes getan! Sie ist die Schwester meines Vaters!" Der Mönch hatte sie aus schmalen Augen angesehen. "Was heißt das, Schwester meines Vaters?" hatte er langsam gefragt. "Das heißt, dass die Brinkmanns viel zu stolz sind, um Schlechtes zu tun! Dass in ihrem Kopf kein Raum ist für niedere Gesinnung, dass ihr Leben Arbeit und Ehre heißt!"
Bruder Nathasius hatte durch die Zähne gepfiffen. Hatte die Anne dabei mit halbem Lächeln angeschaut, dass ihr jetzt, in der Erinnerung, nochmals das Blut in die Wangen stieg. Am Sonntag darauf war Anne in die Kirche gegangen. Im Grunde gegen ihren Willen. Sie fühlte sich von den Predigten nicht sonderlich angezogen, wenn nicht sogar abgestoßen. Anne hatte darüber nachgedacht, und in ihrer klugen und sauberen Art den Grund dafür gefunden.