Lyrik und Poesie
- Geschichten und Erzählungen -

Das Bernsteinkind

Teil 5 - Das Bernsteinkind -

Teil 5 - Bernstein
Von dieser Stunde an wusste der Fischer, dass das Meer sein Geistlein zurückhaben wollte. Er zog eine höhnische Grimasse. Er würde das Meerkind niemals zurückgeben. Zu kostbar war es ihm. So einen Fang machte er nur ein einziges Mal! Trockenes Brot wollte er nicht wieder essen müssen, die guten Zeiten sollten ihm nun bleiben!

Er beachtete nicht das immer schmaler werdende Gesicht des Meerkindes, sah nicht die traurigen Augen, nicht das müde Schleppen der tanzenden Füße. Er sah nur die funkelnden Steine und dacht nur an seinen Reichtum.

So sah er auch nicht auf die aufmerksamen Augen, die von der Düne her seinem Treiben folgten. Er hatte nicht bemerkt, dass in dieser Nacht sein Sohn im heimlich gefolgt war und nun staunend auf das seltsame Tun seines Vaters schaute. Bis zum Morgengrauen lag der Knabe auf der Düne, dann, als der Fischer das Mädchen in das Holzhäuschen gesperrt hatte und sich daran machte, die Säcke aufzuladen, lief er flink nach Hause und kroch in sein Bett.

Am nächsten Morgen wanderten der Fischer und seine Frau wiederum in die Stadt. Dem Knaben stellten sie wie stets das Essen auf den Herd. Mochte er ausschlafen, er rührte sich noch nicht in seinem Bett. Die Eltern mochten eine gute Stunde fortgegangen sein, als der Schläfer die Augen aufschlug. Ein Weilchen schaute er still vor sich hin. Dann sprang er flink aus dem Bett. In ein Körbchen tat er allerlei schöne Dinge, Brot, Käse, Schinken und ein Kännchen Milch. Dazu stellte er noch das Essenstöpfchen vom Herd.

Als er mit dem Korb über dem Arm das Haus verließ, riss der Wind ihm fast die Tür aus der Hand. Erstaunt schaute der Knabe nach dem Himmel. Grosse Wolken jagten von Westen heran, und der Wind wehte scharf vom Strand her. Er wunderte sich. Heute Nacht noch war ruhiges Wetter gewesen! Er zog das Halstuch fester, presste den Korb an sich und machte sich auf den Weg. Der Wind schien noch heftiger geworden zu sein, als er über die Dünen schritt. Eine kleine Weile blieb er stehen und schaute auf das Meer. Herrlich war es anzuschauen in seinem Aufruhr, er liebte es so sehr, und doch niemals hatte der Vater ihn mitgenommen zum Fischen. Vor ihm am Strande, am Fuße der Düne, lag das Häuschen, in dem das gefangene Mädchen saß. Wohl hatte er in der Nacht die Kette klingen hören! Das Herz hatte ihm wehgetan darüber. Auch den schweren Riegel hatte er bemerkt, den der Vater vor die Tür des Häuschens gelegt hatte. Klopfenden Herzens stieg der Knabe zum Strande hinab. Mühsam hob er den Riegel von der Tür und trat in den Raum. Die Tür zog er hinter sich zu.

Das Mädchen kroch bei seinem Anblick noch tiefer in die Ecke seines Lagers. Es schaute ihn mit seinen grünen Augen an, dass ihm bang wurde. Doch tapfer trat er näher und stellte sein Körbchen direkt vor das Kind. Es schaute auf den Korb, es schaute auf ihn, doch es rührte sich nicht. Da nahm der Knabe das Brot und brach ein Stückchen davon ab. Er hielt es dem Mädchen entgegen. Das Meerkind wandte das Gesicht ab.