Lyrik und Poesie
- Erzählungen -

Stanislawa

Teil 4 - Stanislawa -



Pferde im Moor
Als nun die große, heiße Liebe zu der kleinen Stanislawa kam, nahm sie sie entgegen als ein heiliges Geschenk, das ein gütiges Schicksal ihrem armen Bauerndasein in den Schoß warf. "Ich komme wieder Stanislawa, ich komme wieder, wenn der Krieg aus ist und hole dich, du meine kleine Frau", flüsterte Heinrich an ihrem Ohr. Sie presste ihr Gesicht gegen seine Brust, er sollte ihre Augen nicht sehen, wenn er so sprach, denn sie wusste besser als er, dass er nicht wiederkommen würde. In großer Liebe presste sie ihn an sich, legte ihre Hände um seinen blonden Kopf und küsste ihn innig, voll unendlichem Glück und endloses Traurigkeit zugleich. Heinrich Petersen kam, wenn sein Dienst es möglich machte, nun auch des Morgens zu Stanislawa und noch oftmals glückte es den Liebenden, dass die alte Annuschka im Dorf war. Aber war es noch Krieg zwischen den beiden Ländern, wenn auch Friedensgedanken und Friedenssehnsucht hüben wie drüben allmächtig um sich griffen und die feindliche Einstellung zwischen den kämpfenden Truppen allmählich verwischte. Der Krieg duldet kein stilles Glück, er zerschlägt mit blutiger Faust Liebe und Treue - und er griff auch unbarmherzig nach Heinrich Petersens junger Liebe. Unerwartet kam am Morgen des 24. Dezember der Befehl, dass das Regiment am Abend verladen werden solle; mit der Eisenbahn abtransportiert, ein Zeichen, dass es weit fort ging. Unter den Mannschaften schwirrten die tollsten Gerüchte, einige sagten, es wäre Frieden geschlossen und sie kämen alle nach Hause, andere wieder behaupteten es ginge nach dem Balkan herunter, die Zuverlässigsten aber meinten, es ginge nach dem Westen, an die französische Front, wo eine neue große Offensive einsetzen sollte. Eine fieberhafte Tätigkeit herrschte im Dorf, ein Laufen und Rennen begann, die Gespanne standen auf der Dorfstraße, die Pferde wurden aufgeschirrt, die Protzen wurden bepackt und manch einem wurde das Herz schwer, weil es irgendwo zum Abschiednehmen ging. Heinrich Petersen benutzte die Mittagszeit um zu Stanislawa zu laufen; als er zu ihr in die Stube trat, sah er sofort, dass sie schon Bescheid wusste. Stumm trat er auf sie zu, stumm sahen sie sich an. Er zog sie zur Ofenbank nieder und legte den Arm um ihre Gestalt, ihr Kopf ruhte an seiner Schulter; so saßen sie eine ganze Weile, bis Heinrich endlich sprechen konnte. "Stanislawa, dies soll kein Abschied sein; ich komme wieder, ich hole dich; ich gebe dir mein Versprechen, dass ich dich holen werde, hörst du? Stanislawa, sei nicht so stumm, sage doch etwas, sieh mich an, wir gehören zusammen, nicht wahr?" So suchte Heinrich seinen eigenen Schmerz zu unterdrücken, indem er dem Mädchen Trost und Hoffnung zusprach, aber sie blieb tonlos; nur als er ihren Kopf hob, um ihr in die Augen zu sehen, versuchte sie