Lyrik und Poesie
- Geschichten und Erzählungen -

Die Nixe und der böse Krake

Geschichten und Erzählungen

- Die Nixe und der böse Krake -

Oktopus
Es war einmal eine Nixe.

Das Meer war ihre Heimat, und der Wind und die Wellen waren ihre Spielgefährten. Sie schwamm mit ihrem glänzenden Fischleib durch die Wogen und die Sonne leuchtete in ihren langen, goldenen Haaren. Lustig war die Nixe und leicht ihr Herz. Sie schwamm und sang und jauchzte, dass sogar die Fischlein vergnügt lachten, wenn sie ihr begegneten. Sie führte ein herrliches Dasein in Wind und Wellen, und sie hätte ihr sorgloses Nixenleben fortführen können, wenn sie nicht gar so leichtsinnig gewesen wäre.
Es ging einmal wiederum ein fröhlicher Tag zu Ende. Die Sonne stand tief am Horizont und malte goldene Ränder um die Abendwolken. Ein breiter Sonnenweg führte übers Meer mitten in die Sonne hinein. In dieser Sonnenbahn schwamm die Nixe und trällerte lustig, als wenn es noch Mittag wäre. Die Wellen stießen an ihren blauen Leib, der in der Abendsonne golden blinkte: "Nixlein, geh' heim, die böse Krake kommt." Der Wind rührte an ihrer Schulter: "Nixlein, geh' heim, die böse Krake kommt." Die Nixe hörte nicht. Sie lachte Wind und Wellen aus und plätscherte übermütig in ihrem goldenen Bad. Doch dann sank die Sonne hinter den Horizont. Das Meer wurde grau, die leuchtende Bahn verlöschte. Und dann schien der Wind plötzlich den Atem anzuhalten, selbst das Meer schien zu erstarren für eines Augenblickes Länge. Denn durch die Wellen glitt schlangengleich ein grauer, entsetzlicher Arm und fasste das Nixlein. Ein gellender Schrei noch, alsdann waren Arm und Nixe in den Fluten verschwunden.
Unten am Grunde des Meeres aber hielt die Krake die arme Nixe dicht vor ihre bösen Augen. Lange schaute sie sie an: "Du wirst mir gut schmecken." Die kleine Nixe zitterte vom Kopf bis zu ihrem zierlichen Schwanz. "Lass mich leben, liebe Krake," flehte sie zu dem Ungeheuer, "lass mich leben, es ist so schön dort oben im Sonnenschein." Die Krake lachte höhnisch. Sie tastete mit ihren vielen, schrecklichen Armen an der zitternden Nixe herum. Da schien ihr etwas einzufallen. "Wenn du mir statt Deiner ein junges Menschenkind bringst, so will ich dich freilassen. Ich gebe dir sieben mal sieben Tage Zeit. Du wirst auf die Erde gehen zu den Menschen, ich gebe dir menschliche Gestalt. Und Perlen und Edelsteine erhältst du von mir, die magst du den Menschen tauschen für ein junges Kind von ihnen. In sieben mal sieben Tagen werde ich dich erwarten bei Sonnenuntergang. Bringst du mir ein Kind zum Fressen, so bist du frei für immer."
So stieg beim ersten Licht des frühen Morgens die Nixe aus dem Meer an den Strand. Sie hatte die Gestalt eines alten Weibes angenommen, mit grauem Haar und runzeligem Gesicht. So, hatte die Krake gemeint, würde sie unberührt von den Freuden und Leiden der Welt ihren Weg gehen können. Eine große Haube bedeckte ihren Kopf, an einem Gürtel über ihrem langen weiten Rock hing der Beutel mit Perlen und edlen Steinen. Sie stieg den Strand hinan über die Dünen, um den großen Weg ins Land zu den Menschen zu nehmen.
Einige Tage mochte sie gewandert sein, da erblickte sie in der Ferne die hohen Türme einer Burg. Sie schritt darauf zu. Es war des Königs Schloß. Sie wurde auf ihre Frage nach dem König in den großen Saal gewiesen, in dem das Königspaar thronte inmitten seiner Hofleute. Ehrerbietig trat die alte Frau vor den Thron und bat um die Erfüllung einer Bitte. Freundlich schaute der König sie an, und die Königin nickte ihr lächelnd zu. "Herr König, ich bitte, gebt mir euer Kind zum Geschenk."