Lyrik und Poesie
- Ein Märchen -

Der Schäfer und die Moorhexe

Teil 2 - Der Schäfer und die Moorhexe -



Ein Schäfer
auf dem Pfad neben seinem Tier. Doch auch jetzt hatten die Arme sich nicht gelöst und als er zur Seite blickte, lag ein junges Weib neben ihm und schaute ihn an mit Augen, die unergründlich und in allen Farben zu schillern schienen. Ein blasses Gesicht ward umrahmt von einer Flut schwarzen Haares, so schwarz wie die Moorwasser bei Nacht. Nun lächelte es und ließ noch immer nicht die Arme von seinem Hals. Wie wärmesuchend drängte es sich an ihn und er spürte, wie es am ganzen Leib zitterte.

Da ward dem Schäfer ganz eigen zu Sinn. Ein Quell schien in seinem Herzen aufzubrechen, welcher ihn überflutete mit nie zuvor empfundener Glückseligkeit. Er umfing mit seinen Armen den kühlen Leib der Moorhexe und wärmte ihn die ganze Nacht.

Noch vor Sonnenaufgang erwachte er von einer Bewegung. Hatte der kühle Morgenwind ihn angerührt? Schlafumfangen blinzelte er, da ward er plötzlich hellwach. Mit starkem Griff fasste er nach seiner jungen Geliebten, welche soeben sich anschickte, ins Moor zurück zu gleiten. "Nein" sagte er beschwörend und versuchte, sie zu sich zurückzuziehen. Sie aber schlug nach ihm und stieß nach ihm. Ihre Augen sprühten tödliche Angst. Sie irrten hilfesuchend über das Moor, sie glitten von einem Jammerschrei begleitet, den vor der Morgenröte weichenden Nebelschleiern nach. Dann stieg die Sonne leuchtend über dem noch nachtschwarzen Wald empor, die Moorwasser erglühten und ein kleiner Morgenwind ließ sie erzittern. Ein Schauern ging über den Leib der Moorhexe, als hätte der Wind auch sie berührt. Zitternd ließ sie sich zurückziehen in die Arme des jungen Schäfers. Er aber hob sie empor und trug sie fort von dem Moor, hin durch den morgenfrischen Wald und heim in die wohlige Wärme seiner und seiner Herde sommerliche Behausung. Und das Schäflein sprang neben ihnen.
Ein heimliches Glück zog ein im Schafstall.

Obgleich der Moorfrau versagt war, mit menschlicher Zunge zu reden, so sprachen ihre wunderschönen Augen, ihre Hände und ihr zartes Lächeln beredter als menschliche Worte vermocht hätten. Der Schäfer, auch ansonsten vielen Sprechens ungewohnt, umgab seine stumme Geliebte mit schweigender Zartheit. Er ließ gleich ihr seine Augen sprechend, seine guten Hände und die Güte und Liebe seines Herzens. Die Schafe aber, wie angerührt von einem Zauber, umdrängten sie und boten ihnen willig die weichen Leiber zu Ruhe und Wärme.

Eines Morgens früh vor Sonnenaufgang erwachte der Schäfer von einer Unruhe. Da sah er das Lager neben sich leer, die junge Frau hatte heimlich die Hütte verlassen. Erst im Walde holte er die Fliehende ein und trug sie auf seinen Armen zurück. Von nun an verschloss er des Abends die Tür. Doch die Stunde der weichenden Nebel in der Morgenfrühe blieb und oftmals fand er die Geliebte zusammengesunken an der verschlossenen Tür, die Hände in stummer Qual verschlungen und die Augen schwarz von Traurigkeit. Wenn aber diese Stunde vergangen war, wenn die Sonne blitzend im Tau der Wiese funkelte, wenn der Schäfer den Arm um die Schultern der