Im
letzten Hause des Dorfes, gerade dort, wo schon der große
Wald anfängt, wohnte eine arme Witwe mit ihren zwei Kindern
Werner und Anna. Das wenige, das in ihrem Garten und auf dem
kleinen Ackerstück wuchs, die Milch, die ihre einzige
Ziege gab, und das geringe Geld, das sie durch ihre Arbeit
erwarb, reichte gerade hin, um die kleine Familie zu ernähren,
und auch die Kinder durften nicht feiern, sondern mußten
solche Arbeit leisten, wie sie in ihren Kräften stand.
Sie taten das auch willig und gern und betrachteten diese
Tätigkeit als ein Vergnügen, zumal da sie dabei
den herrlichen Wald nach allen Richtungen durchstreifen konnten.
Im Frühling sammelten sie die goldenen Schlüsselblumen
und die blauen Anemonen zum Verkauf in der Stadt und später
die Maiglöckchen, die mit süßem Duft aus den
mit welkem Laub bedeckten Hügelabhängen des Buchenwaldes
emporwuchsen. Dann war auch der Waldmeister da mit seinen
niedlichen Bäumchen, die gepflückt werden mußten,
ehe sich die zierlichen, weißen Blümchen hervortaten,
damit seine Kraft und Würze fein in ihm verbleibe. Sie
wanden zierliche Kränze daraus, denen noch, wenn sie
schon vertrocknet waren, ein süßer Waldesduft entströmte
oder banden ihn in kleine Büschel, die die vornehmen
Stadtleute in den Wein taten, auf daß ihm die taufrische
Würze des jungen Frühlings zuteil werde.
Später
schimmerten dann die Erdbeeren rot unter dem niedrigen Kraut
hervor, und während nun die Kinder der reicheren Eltern
in den Wald liefen und fröhlich an der reichbesetzten
Sommertafel schmausten oder höchstens zur Kurzweil ein
Beerensträußlein pflückten, um es der Mutter
mitzubringen, saßen Werner und Anna und sammelten fleißig
"die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen".
Aber sie waren fröhlich dabei und guter Dinge, pflückten
um die Wette und sangen dazu.
Noch
späterhin wurden auf dem bemoosten Grunde des Tannenwaldes
die Heidelbeeren reif und standen unter den großen Bäumen
als kleine Zwergenwälder beieinander, indem sie mit ihren
dunklen Früchten wie niedliche Pflaumenbäumchen
anzusehen waren. Auch diese sammelten sie mit blauen Fingern
und fröhlichem Gemüt in ihre Töpfe, und dann
ging's ins Moor, wo die Preißelbeeren standen, die so
zierliche Blüten wie kleine, rosig angehauchte Porzellanglöckchen
und Früchte rot wie Korallen haben und eingemacht über
die Maßen gut zu Apfelmus schmecken.
Von
der alten Liese, die alle Tage mit einem baufälligen
Rößlein und einem Wagen voll Gemüse und dergleichen
in die Stadt fuhr und für die Kinder verkaufte, was sie
gesammelt hatten, lernten sie noch manches kennen, was die
Stadtleute lieben und gern für ein paar Pfennige erwerben.
So suchten sie in der Zwischenzeit allerlei zierliche Moose
und Flechten, wie sie in trockenen Kiefernwäldern mannigfaltig
den Boden bedecken und sich mit sonderlichen und zierlichen
Gestaltungen bescheiden hervortun. Da fanden sie solche rot
und ästig wie kleine Korallen und andere, die einem Haufen
kleiner Tannenbäumchen glichen. Aus wieder anderen wuchsen
die Blütenorgane gleich kleinen Trompetchen oder spitzen
Kaufmannstüten hervor, während noch wieder andere
kleine Keulen emporstreckten, die mit einem Knopf wie von
rotem Siegellack geschmückt waren. Solches Moos lieben
die Stadtleute auf einem Teller freundlich anzuordnen, damit
sich ihr Auge, wenn es müde ist, über die große
Wüste von Mauern und Steinsäulen zu schweifen, auf
einem Stück fröhlichen Waldbodens ausruhen könne.
Unter
solchen fleißigen und freudigen Tätigkeiten kam
dann der Herbst heran und die Zeit, da die Stürme das
trockene Holz von den Bäumen werfen und es günstig
ist, die Winterfeuerung einzusammeln, die Zeit, wo sie sich
schon zuweilen auf die schönen Winterabende freuten,
wenn das Feuer in dem warmen Ofen bullert und sein Widerschein
auf dem Fußboden und an den Wänden lustig tanzt,
wenn die Bratäpfel im Rohr schmoren und zuweilen nach
einem leisen "Paff" lustig aufzischen, und die Mutter
bei dem behaglichen Schnurren des Spinnrades ein Märchen
erzählt. Unter solchen Gedanken schleppten sie fröhlich
Tag für Tag ihr Bündelchen Holz heim und türmten
so allmählich neben der Hütte ein stattliches Gebirge
auf. Zuweilen hing auch ein Beutel mit Nüssen an dem
Bündel; diese holten sie gelegentlich aus dem großen
Nußbusch, wo in manchem Jahre so viele wuchsen, daß,
wenn man mit einem Stock an den Strauch schlug, die überreifen
Früchte wie ein brauner Regen herabprasselten. Wenn sie
davon genug mitgebracht hatten, wurden die Nüsse in einen
größeren Beutel getan und in den Rauchfang gehängt,
um für Weihnachten aufgehoben zu werden. Weihnachten,
das war ein ganz besonderes Wort, und die Augen der Kinder
leuchteten heller auf bei seinem Klange. Und doch brachte
ihnen dieser festliche Tag so wenig. Ein kleines, winziges
Bäumchen mit ein paar Lichtern und Äpfeln und selbstgesuchten
Nüssen und zwei Pfefferkuchenmännern, darunter für
jedes ein Stück warmes Winterzeug und, wenn's hoch kam,
ein einfaches, billiges Spielzeug oder eine neue Schiefertafel,
das war alles. Doch von den wenigen, kleinen Lichtern und
von dem goldenen Stern an der Spitze des Bäumchens ging
ein Leuchten aus, das seinen traulichen Schein durch das ganze
Jahr verbreitete und dessen Abglanz in den Augen der Kinder
jedesmal aufleuchtete, wenn das Wort Weihnachten nur genannt
wurde.
Als
es nun Winter geworden war und sie eines Abends behaglich
um den Ofen saßen und die Mutter gerade eine schöne
Weihnachtsgeschichte erzählt hatte, sah der kleine Werner
eine ganze Weile ganz nachdenklich aus und fragte dann plötzlich:
"Mutter, wo wohnt denn der Weihnachtsmann?"
Die
Mutter antwortete, indem sie den feinen Faden durch die Finger
gleiten ließ und das Spinnrad munter dazu schnurrte:
"Der Weihnachtsmann? Hinter dem Walde in den Bergen.
Aber niemand weiß den Weg zu ihm; wer ihn sucht, rennt
vergebens in der Runde, und die kleinen Vögel in den
Bäumen hüpfen von Zweig zu Zweig und lachen ihn
aus. In den Bergen hat der Weihnachtsmann seine Gärten,
seine Hallen und seine Bergwerke, dort arbeiten seine fleißigen
Gesellen Tag und Nacht an lauter schönen Weihnachtsdingen,
in den Gärten wachsen die silbernen und goldenen Äpfel
und Nüsse und die herrlichsten Marzipanfrüchte,
und in den Hallen sind die schönsten Spielsachen der
Welt zu Tausenden aufgestapelt."
Diese
Geschichte kam Werner nicht wieder aus dem Sinn, und er dachte
es sich herrlich, wenn es ihm gelingen könnte, den Weg
nach diesem Wunderlande zu entdecken. Einmal war er bis in
die Berge gelangt und war dort lange umhergestreift, allem
er hatte nichts gefunden als Täler und Hügel und
Bäume wie überall. Die Bäche, die dort liefen,
schwatzten und plauderten wie alle Bäche, allein sie
verrieten ihr Geheimnis nicht, die Spechte hackten und klopften
dort wie anderswo im Walde auch und flogen davon und an den
Eichhörnchen, die eilig die Bäume hinaufkletterten,
war auch nichts Besonderes zu sehen.
Wenn
ihm nur jemand hätte sagen können, wie der Weg in
das wunderbare Weihnachtsland zu finden sei, er hätte
das Abenteuer wohl bestehen wollen. Aber die Leute, die er
danach fragte, lachten ihn aus, und als er deshalb der Mutter
seine Not klagte, da lachte sie auch und sagte, das solle
er sich nur aus dem Sinne schlagen; was sie ihm damals erzählt
habe, sei ein Märchen gewesen wie andere auch.
Aber
der kleine Werner konnte die Geschichte doch nicht aus seinen
Gedanken bringen, obgleich er nun niemand mehr danach fragte.
Nur mit der kleinen Anna sprach er zuweilen beim Holzsammeln
davon, und beide malten sich schöne Traumbilder aus von
den Herrlichkeiten des wunderbaren Weihnachtslandes.
(Heinrich
Seidel, 1842-1906)
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Wir
wünschen Euch viel Freude mit diesen Weihnachtsgedichten
und natürlich auch eine besinnliche und fröhliche
Weihnachtszeit auch für eure Familie und euren Freunden!